01 Okt

Singen tut Kindern gut – Interview mit Dr. Karl Adamek

Bereits vor 500.000 Jahren sollen unsere Vorfahren die Fähigkeit erworben haben zu singen. Anatomische Veränderungen ermöglichten ihnen vor 200.000 – 100.000 Jahren ihre Sprache und das Singen komplex zu entwickeln. 

Auch wenn die Menschen keine biochemischen Kenntnisse besaßen, was Singen im Stoffwechselprozess unseres Körpers bewirken kann, haben sie doch um den positiven Einfluss des Singens auf Körper und Seele gewusst. Für viele Völker ist heute noch das gemeinsame Singen und Tanzen elementar wichtig für das Gemeinschaftsleben. In der „westlichen“ Gesellschaft dagegen werden Musik und Gesang mehr und mehr konsumiert. Das eigene Singen und Musizieren treten dagegen in den Hintergrund. 

Völlig zu Unrecht, denn heute können wir mit Sicherheit sagen: Singen hat eine heilsame Wirkung für die Menschen. Zu diesem Schluss kam der Musikpsychologe Dr. Phil. Karl Adamek bereits Ende der 1980er Jahre.

Vor allem Kinder haben ein natürliches Bedürfnis zu singen und werden darin bislang viel zu wenig unterstützt. 

Über die Bedeutung des Singens für Kinder habe ich mit Dr. Karl Adamek gesprochen. 

Warum ist Singen wichtig für Kinder?

Dr. Adamek: Kinder, die jenseits von Leistung ihr Singen einfach aus Lust an der Freude spielerisch entfalten können, entwickeln sich auf allen Ebenen sowohl physisch als auch psychisch und sozial deutlich besser als Kinder, die nicht singen.

Gibt es dazu wissenschaftliche Untersuchungen?

Dr. Adamek: Ja, das konnten erstmals Dr. Thomas Blank und ich in der empirischen Forschungsarbeit „Singen in der Kindheit“ mit 450 Kindergartenkindern nachweisen.

Wirkt sich das Singen auch auf den Spracherwerb aus, sei es der Muttersprache oder einer Fremdsprache?

Dr. Adamek: Lieder singen ist eine optimale Hilfe beim Spracherwerb. Sowohl bei der Muttersprache als auch bei einer Fremdsprache.

Viel und kontrovers wird diskutiert: In welcher Tonhöhe sollten Lieder für Kinder gesetzt sein?

Dr. Adamek: Die Kinderstimmforschung zeigt: Die Kinder von heute singen generell etwa eine Terz tiefer als die Kinder von früher, auch weil sie größer werden und die Stimmlippen entsprechend größer sind. Zudem sind sie ungeübter, da das Singen auch in der Familie weitgehend verloren gegangen ist.

Der Kinderstimmforscher Prof. Adelmann rät gemeinsam mit dem führenden Phoniater und HNO Arzt Prof. Hess, dass man als Faustregel mit einer durchschnittlichen Gruppe von Kindern nicht höher als h ́ singen sollte.

Was bedeutet das konkret? 

Dr. Adamek: Zu hoch singen kann diesen Experten zufolge der Stimme schaden, zu tief singen nie, vorausgesetzt natürlich, man singt entspannt und gibt keinen Druck auf die Stimme, um zum Beispiel Lautstärke zu erreichen. Man muss sich nur damit abfinden, dass die Stimmen in der Tiefe leiser sind und damit nicht den Lautstärkeansprüchen eines Bühnen-Chores genügen. Aber für die Begegnung in einer singenden Gruppe und die eigene Freude am Singen reicht das völlig aus.

Warum ist spontanes Singen wichtig und ist es möglich zu sagen was wichtiger ist, Lieder zu singen oder spontanes Singen?

Dr. Adamek: Spontanes Singen ist eine wunderbare Spielwiese. Es bedarf dabei allerdings eines Orientierungsvermögens in den Tönen, besonders wenn es um gemeinschaftliches Singen geht. Wenn Kinder jedoch noch lernen müssen, sich in den Tönen zu orientieren, fängt man, besonders wenn es um gemeinschaftliches Singen geht, am besten mit Liedern an.

In vielen Gesellschaften ist das Singen ein normaler Bestandteil des Alltags. Die Menschen singen während der Arbeit, bei festlichen Anlässen, bei Trauerfeiern, Ritualen etc. Viele Spiele werden von den Kindern mit Gesang begleitet. Auch spontanes Singen ist oft nicht ungewöhnlich. 

Dr. Adamek: Ja, das ist in unserer Kultur weitgehend verloren gegangen und das ist ein großer Verlust für den Einzelnen und die Gesellschaft, wenn man die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse hierzu sieht. Wie beim Verlust der Biodiversität durch das menschenverursachte Artensterben gehen uns offensichtlich auch Lebensarten wie das einfache Singen des Menschen verloren. Das einfache Singen birgt wissenschaftlich nachgewiesen so viele Schätze für den Einzelnen und die Gesellschaft, dass es sich lohnt, es in den Alltag der Menschen zurück zu holen.

Was bedeutet das konkret?

Dr. Adamek: Wer das einfache Singen in seinem Lebensalltag hat, lebt im statistischen Durchschnitt gesünder, zufriedener, glücklicher, entfaltet mehr Mitgefühl und verhält sich sozial engagierter. Er oder sie hat mit dem Singen eine wunderbare Quelle für gelingendes Leben und braucht nicht notwendigerweise so viele Konsumgüter zur Kompensation. Sie oder er ist eher ohne Frust in der Lage, seinen ökologischen Fußabdruck klein zu halten. Denn beim einfachen Singen wird sinnbildlich die innere Hausapotheke aktiviert und zum Beispiel verstärkt jede Menge von Glückshormonen und andere wichtigen Botenstoffe im Gehirn produziert. Alle, die dazu beitragen, das einfache Singen im Alltag wieder in der Gesellschaft zu verbreiten können dies auch als einen Beitrag zur Lösung der globalen Klimakrise betrachten.

Wie kann man unsere Gesellschaft dahin bewegen, dass das Singen als Lebenselixier wie Essen, Trinken und Reden selbstverständlich wird?

Dr. Adamek: Dazu weiß ich kein Patentrezept außer: Wieder in allen nur möglichen Formen anfangen, vor allem bei den Kindern, vielfältige Erfahrungen sammeln und sich vernetzten und austauschen. Dazu haben wir das Netzwerk zur Förderung der Alltagskulturen des Singens Il canto del mondo e.V. gegründet. Alle Interessierten sind eingeladen, hier in diesem Sinne zusammen zu wirken. 

Vielen Dank für das Gespräch. 

Das Interview führte Josephine Kronfli, 01. Oktober 2019

Karl Adamek

Dr. Phil. Karl Adamek

Sozialwissenschaftler, Autor, Musiker, Weiterbildner.
Pionier der Singforschung und des Heilsamen Singens.
Initiator von Il canto del mondo e.V. 1999, woraus unter anderem auch Singende Krankenhäuser e.V. hervorging. Zahlreiche Auszeichnungen für seine ehrenamtlichen Sozialprojekte zur Förderung der Alltagskulturen des Singens – Bundesverdienstkreuz 2017.